Der Esstisch, der plötzlich schlafen kann

From Tyrrapedia




Ich stand in meiner ersten eigenen Wohnung. Ein Raum. 28 Quadratmeter. Küche, Wohnen, Schlafen - alles auf einem Haufen. Der einzige Platz, der einigermaßen nach Möbel aussah, war ein kleiner runder Tisch von meiner Oma. Vier Stühle, Eichenfurnier, Beine gedrechselt. Aber wenn Freunde übernachteten, breitete ich eine Isomatte auf dem Boden aus und hoffte, dass keiner über die Schnallen stolperte. Das war nicht gemütlich. Es war eine Zumutung für den Rücken und für die Gastfreundschaft. Heute weiß ich, dass ein klug gewählter Esstisch mehr kann als nur Latex zu verbergen. Die Idee ist simpel: Ein Möbel, das tagsüber als Mittelpunkt für Abendessen, Bastelarbeiten oder Homeoffice dient und nachts zum Gästebett wird. Ein echter Raumwunder, wenn man den Dreh raushat.



Der klassische Trick ist die ausziehbare Lösung unter der Tischplatte. Aber viele dieser Mechanismen sind fummelig und enden in einer durchgelegenen Matratze. Ich rate zu einem Modell mit einer fest integrierten Liegefläche, die sich unter der Platte versteckt. Die Konstruktion ähnelt einem stabilen Klapprahmen. Wenn der Tisch auseinandergezogen wird, kommt ein vollwertiges Bett zum Vorschein. Das ist kein instabiles Gästebett, sondern eine richtige Schlafgelegenheit. Wichtig ist, dass die Metallschienen sauber laufen. Ich habe einmal ein Billigmodell erwischt, bei dem die Auszugsschienen nach drei Monaten quietschten wie eine alte Tür. Das nervt beim Abendessen und beim Umbau gleichermaßen. Lieber zehn Euro mehr ausgeben Kugellager.



Jetzt kommt das Innenleben. In den Tischbauch passt eine durchschnittliche Matratze hinein, aber die muss richtig atmen können. Die meisten Verbundstoffmatratzen schimmeln, wenn sie dauerhaft zusammengepresst in einem geschlossenen Kasten liegen. Deshalb schwöre ich auf einen separaten, herausnehmbaren Kern mit einem festen Schaumstoff. Eine 16 cm dicke Schaumstoffmatratze auf einem Slim-Lattenrost aus Birke ist eine Kombination, die selbst meinen Rücken nach einer durchzechten Nacht nicht bestraft. Wer öfter Übernachtungsbesuch hat, investiert in eine Matratze mit abnehmbarem Bezug. Die 60 Grad Wäsche macht den Unterschied zwischen muffigem Gästezimmer und frischer Morgenluft. Ich habe meine letzte Matratze einfach im Treppenhaus entlüften lassen und lag falsch.



Ein Problem bleibt: die Stauraumfrage. Wenn der Tisch zum Bett wird, verschwinden Teller, Kerzenständer und der Salatspender. In einer meiner ersten Wohnungen stand mein Esstisch direkt vor einer Wand. Um ihn umzubauen, musste ich das gesamte Geschirr in Kisten auf den Balkon stellen. Das war unpraktisch. Besser ist eine Kombination mit einem Sideboard oder einer Anrichte direkt neben dem Tisch. Oder noch besser: Der Tisch selbst besitzt seitliche Fächer. Einige Hersteller bauen flache Schubladen in die Tischbeine ein. Da passen Besteck, Platzsets und eine kleine Vase hinein. Nachts kommen dort die Kissen und die Tagesdecke rein.



Ein anderer Weg ist das Sofa mit integrierter Schlaffunktion, das optisch als Sitzbank am Tisch dient. Eine schmale Bank mit Klappmechanismus, die tagsüber drei Personen Platz bietet und nachts mit einem herausziehbaren Untergestell ein Gästebett bildet. Die Sitzfläche ist oft aus Schaumstoff, aber für eine Nacht ist das okay. Wichtig ist die Polsterung der Rückenlehne. Ich habe eine mit Veloursbezug, der zwar elegant aussieht, aber bei regelmäßiger Nutzung schnell verschleißt. Besser ist eine abnehmbare Velourspolsterung, die man in die Waschmaschine werfen kann. Bei einer kürzlich renovierten Altbauwohnung meiner Nachbarin hat die Verschlussmechanik der Klapplehne geklemmt. Seitdem ölt sie alle sechs Monate die Scharniere.



Dann gibt es die aufwändigere Variante: der Tisch, der sich in ein Bett mit Stauraum verwandelt. Das ist eher ein Möbel-Kunststück als ein Alltagshelfer. Die Platte klappt hoch, die Liegefläche fährt raus. Ein Hydraulikzylinder hilft, das Gewicht zu stemmen. Ich habe so ein Modell in einer 20-Quadratmeter-Wohnung eines Freundes gesehen. Er stellt jeden Abend seinen Couchtisch zur Seite, klappt das Bett aus und sein Esstisch steht plötzlich als Kopfteil neben der Matratze. Das wirkt erst chaotisch, hat aber System. Der Stauraum unter der Liegefläche ist riesig - da passen Bettwäsche, Handtücher und sogar Wintersachen rein.



Werden die Mechanismen zu kompliziert, ist der klassische Klapptisch mit ausziehbarem Bett eine Alternative. Der Tisch sieht aus wie jeder andere auch, hat aber unter der Platte ein verborgenes Gestell. Der Umbau dauert etwa zwei Minuten. Der Nachteil: Die Liegefläche ist selten breiter als 120 Zentimeter. Für einen Gast okay, für ein Paar wird es eng. Dafür bleibt die gesamte Wohnmöbel-Fläche frei. Ich habe mal einen Tisch mit einer eingebauten Schaumstoffmatratze gesehen, die sich wie eine Rolle aus der Tischkante herausziehen ließ. Das war elegant, aber die Matratze hatte nur acht Zentimeter Höhe. Für einen Kleinkindbesuch reicht das, für Erwachsene ist das ein Rückenschmerz-Garant.



Ein letzter Trick: die Sitzbank als Schlafsofa. Eine schmale Bank am Esstisch, deren Rückenlehne nach hinten klappt. Ein integriertes Lattenrost und eine dünne Schaumstoffauflage machen daraus eine improvisierte Liege. Das ist nichts für Dauerschläfer, aber für eine Nacht nach der Feier. Die Polsterung muss stabil sein. Ich habe eine in einem skandinavischen Möbelhaus gesehen, die durchgelegene Sitze nach zwei Jahren hatte. Ein fest eingearbeiteter Lattenrost unter der Sitzfläche verhindert das Durchsacken. Die dünne Schicht Velours hält zudem besser als glatter Webstoff.



Am Ende bleibt ein Gefühl der Erleichterung. Denn ein Esstisch, der sich in eine Schlafgelegenheit verwandelt, nimmt nicht nur Platz, sondern auch Sorge. Sorge um den überraschenden Besuch, der länger bleibt. Sorge um die Unterbringung der Cousine aus Hamburg. Sorge um den eigenen Rücken, der auf einer durchgelegenen Couch nicht schlafen kann. Die Investition in einen stabilen Mechanismus, eine atmungsaktive Matratze und ein durchdachtes Einbau-System zahlt sich aus. Der Tisch wird vom Möbelstück zum Werkzeug für echte Gastfreundschaft - ohne dass man dafür ein zweites Zimmer opfern muss.